Interview mit den Schülerinnen der Stadtteilschule Poppenbüttel

Die Fotoausstellung wird vom 11. bis 17. März 2024 im OHLE gezeigt

Die Projektgruppe “Wir sind Poppenbüttel” (v. l.): Christian Tuchtfeldt, Virginia Umbelina Maximiliana Talmon Motta, Jannika Hünerbein, Mobina Tawakoli, Raquel Pinto Goes Baptista Lopes und Nilgül Aydogan

Interview mit den Schülerinnen der Stadtteilschule Poppenbüttel

Beim Interview im OHLE waren Mobina (mit zwei Jahren aus Afghanistan geflüchtet), Jannika, Nilgül, Gina und Raquel dabei.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, so ein Projekt zu machen?

Das war die Idee von Christian Tuchtfeldt. Er ist seit knapp einem Jahr an unserer Schule und gibt Deutschförderunterricht, unter anderem in IVK-Klassen. Er hat erfahren, dass Schüler:innen aus 66 verschiedene Nationalitäten an der Schule lernen. Christian hatte die Idee, die Schüler:innen zu interviewen und ihren Weg nach Poppenbüttel zu beschreiben.

Jannika war sofort begeistert und hat Mobina dazugeholt, sie musste allerdings erst überzeugt werden, wollte anfangs nicht. Dann haben wir bei uns in der Oberstufe gefragt, so sind noch Raquel, Gina und Nilgül dazugekommen. Das Ur-Interview hat Jannika mit Raquel geführt. Daran haben sich die weiteren Interviews orientiert.

Unsere Beweggründe mitzumachen, waren sehr individuell. Alle fanden aber die Idee cool, jede Schülerin und jeder Schüler hat seine eigene Geschichte. Alle Schüler:innen, mit denen wir sprachn, hatten das Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen und wie sie in Poppenbüttel gelandet sind.

Welche Idee oder welche Botschaft steckt aus eurer Sicht hinter der Ausstellung?

Wir wollen jede Geschichte rüberbringen. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und Stimme. Auch wenn wir alle Menschen sind, alle an einer Schule, jede:r hat seine eigene Vergangenheit und Geschichte. Alle sind unterschiedlich und jede Stimme zählt.

Bei Jannika kam ein politischer Aspekt dazu. Die Verallgemeinerung der Flüchtlingskrise soll aufgehoben werden. Es sind nicht „die Flüchtlinge“, sondern individuelle Personen. Wir wollen aufzeigen, wie schwer es war, die eigene Heimat zu verlassen. Trotz aller Schwierigkeiten haben die Menschen ihre Heimat verlassen, weil es dort für sie keine Zukunft gab. Jede:r von ihnen hat das Recht, in Deutschland zu leben. Wir wollen auf den alltäglichen Rassismus hinweisen und zeigen, dass das vollkommener Schwachsinn ist. Wir sind alle Menschen und haben uns unseren Geburtsort nicht ausgesucht. Niemand sollte bestimmen sollen, wer wo wohnt.

Wir wollen den Menschen Gesichter geben!

Wie seid ihr praktisch vorgegangen, um so viele Biografien zusammen zu bekommen?

Die Schulleitung hat uns eine Liste mit den Nationalitäten, Klassen etc. gegeben. Wir sind auf die Leute zugegangen und haben sie angesprochen, ob sie mitmachen möchten. Im Lernzentrum haben die Besprechungen stattgefunden und auch die Interviews. Teilweise sind wir auch von Klasse zu Klasse gegangen und haben nachgefragt.

Ist es euch leicht gefallen, mit den Schülerinnen und Schülern zu sprechen, da ihr auf Augenhöhe miteinander reden konntet?

Leider haben wir nicht alle 66 Länder, aus den unsere Mitschülerinnen und -schüler kommen, bekommen, weil viele nicht zum Fototermin gekommen sind, manche wollten wegen des Fotos nicht mehr mitmachen. Genau 50 sind jetzt da, 62 Interviews haben wir geführt.

Bei manchen Nationen war es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Am Anfang mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, mit der Zeit wurde es aber einfacher. Das Projekt hat sich in der Schule herumgesprochen. 

Die Interviews haben wir außerhalb der Schulzeit, in den Pausen, nach der Schule, teilweise am Wochenende und am Telefon, geführt und aufgeschrieben. Wir wurden nicht vom Unterricht befreit.

Das Projekt hat ungefähr 9 Monate gedauert.

Die meiste Arbeit haben wir damit verbracht, die Interviews auszuformulieren.

Meist haben wir zu zweit interviewt, eine hat Fragen gestellt, die andere hat mitgeschrieben und ergänzt.

Wenn sich das Gespräch im Redefluss anders entwickelt hat, haben wir die Schülerinnen und Schüler einfach frei reden lassen. Deshalb unterscheiden sich die Interviews inhaltlich sehr, trotzdem ist ein roter Faden zu sehen.

Am Ende wurde es nochmal vorgelesen, um zu schauen, ob alles richtig verstanden wurde. Alles, was erzählt wurde, wurde in die Interviews gepackt.

Sind euch bei den Interviews neue Erkenntnisse über eure Mitschüler:innen gekommen?

Wir kannten die anderen gar nicht. Auch wir 5 kannten uns vorher nicht so gut und sind jetzt aber Freundinnen geworden. Aber auch die Schüler:innen aus der eigenen Klasse besser kennenzulernen ist cool.

Jannika geht erst seit 2,5 Jahren auf die Schule, Gina schon seit der 5. Klasse. Man sieht die Kulturen und die Menschen jeden Tag, aber weiß nichts von ihnen, welche Sprache sie sprechen, welcher Religion sie angehören.

Jetzt weiß man, wer so an unserer Schule ist. Jetzt gibt es Gesichter zu den einzelnen Leuten, und man weiß, wer wo herkommt.

Selbst von guten Freundinnen kannte Jannika vorher nicht die Geschichte.

Normalerweise ist die Herkunft nicht das erste Gesprächsthema, wenn man miteinander in Berührung kommt. Es ist aber ein Thema, das total interessiert.

Wir wussten bei den Interviews nicht, wie die andere Person, unser Gegenüber, so reagiert.

Unsere Motivation war nicht, einen Bestseller zu schreiben, sondern wir haben aus reinem Interesse gefragt. Die Leute wurden nicht „benutzt“, sondern wir haben ihnen einfach zugehört.

Die Liste, die wir von der Schulleitung bekamen, war nicht immer aktuell, deshalb sind wir einfach in die einzelnen Klassen gegangen und haben Interviewpartner gesucht. Ein Problem war: Manche haben einen deutschen Pass, haben aber Wurzeln in einem fremden Land. Auf der Liste standen aber nur die Staatsangehörigkeit und der Geburtsort.

Uns interessierte die Nationalität, mit der sie sich identifizieren. Viele haben gesagt, dass sie ihre Zukunft in Deutschland sehen. Viele würden aber auch gerne in ihrer Heimat leben, wenn dort kein Krieg etc. wäre.

Manche wollen, auch wenn sie ihre Zukunft in Europa sehen, in ihre Heimat zurückgehen, um diese kennenzulernen, zumindest für eine Zeit lang.

Hättet ihr eine Botschaft, die ihr uns mitgeben möchtet, wenn die Ausstellung hier im OHLE zu sehen sein wird?

Ja, unsere Botschaft ist: Ihr müsst euch nicht allein fühlen. Wir wollen euch das Gefühl geben, dass ihr nicht „die einzigen anderen“ seid. Es gibt eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern und von Jugendlichen, die genauso Probleme haben mit der Sprache und für die es nicht einfach ist, sich einzufühlen.

Alle haben ihre individuellen Probleme, trotzdem kämpfen alle mit der neuen Sprache. Wir wollen die Botschaft vermitteln: Ihr seid nicht allein! Man kann glücklich sein im neuen Land und das zu schätzen wissen.

Unsere Botschaft an die Menschen im Stadtteil, die hier geboren sind und leben: Rassismus ist vollkommen unberechtigt. Nur, weil man in Deutschland geboren ist, ist man nichts Besseres. Man kann dadurch nicht bestimmen, ob ein Mensch hier leben darf oder nicht. Rassismus und Diskriminierung sind völlig unberechtigt!

Wir jungen Menschen, die aus der ganzen Welt in unser Land gekommen sind, sind die Zukunft Deutschlands! Wir sind jetzt schon alle bunt, das wird also auch in Zukunft sein, und wir werden die nächste Generation sein. Es bringt nichts, sich dagegen zu wehren, sondern man muss sich damit abfinden, weil es früher oder später soweit ist, dass jede:r mit Menschen anderer Nationalitäten arbeiten und leben wird.

Wir zeigen, dass wir miteinander klarkommen, auch wenn wir unterschiedliche Nationalitäten haben. Gemeinsam zu lernen, es ist möglich, täglich miteinander zu leben.

Natürlich gibt es trotzdem Fälle von Rassismus. Der Charakter eines Menschen hängt nicht von der Nationalität ab, sondern hat viele Faktoren.

Wir wünschen uns, dass unsere Bilder und Geschichten  als Wanderausstellung gezeigt werden. Im Januar läuft sie schon in der Haspa im AEZ. Wir haben bei den Rotariern und im Lions Club, der uns im April eingeladen hat, angefragt. Vielleicht können die Bilder auch im digitalen Ausstellungsbereich im neuen Einkaufszentrum in der HafenCity gezeigt werden.

Vielen Dank an die Schülerinnen der Stadtteilschule Poppenbüttel. Herzlichen Dank an Christian Tuchtfeldt für die Unterstützung. Lieben Dank an Gabriela Gnauk-Kruse, Poppenbüttel Hilft e. V., die das Interview für uns geführt hat und an Elena Wischhöfer, Leitung im OHLE, die kurzfristig eingesprungen ist und das Gespräch dokumentiert hat.

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