Dr.Motraji

Informations-und Diskussionsveranstaltung von Poppenbüttel Hilft e.V. am 18.5.16 in der Marktkirche

Die Veranstaltung „Von Syrien nach Hamburg“ fand mit Dr. Yasser Motraji und Karin Heilmann als Interviewerin im mit ca. 130 Zuhörern  gut gefüllten Gemeindesaal der Marktkirche statt. Der seit gut 4 Jahren in Hamburg lebende Linguist erzählte aus seinem bisherigen Leben, dem Bildungssystem und der Stellung der Frau in Syrien. Er berichtete von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Hamburg und sprach darüber, wie Integration gelingen kann.

Das Leben in Syrien

Dr. Motraji kommt aus Lattakia, einer Stadt am Mittelmeer. Um gut und ehrlich leben zu können, musste man mehrere Jobs haben und Tag und Nacht arbeiten. Seine Frau ist Architektin, ihre Mutter ist Deutsche, sie ist jedoch in Syrien aufgewachsen. Sie haben zwei Töchter. Die Familie war gut situiert, lebte in einer großen Eigentumswohnung, hatte ein Auto, machte Urlaub und war mit ihrem Leben sehr zufrieden.

Das Leben in Syrien ist in Städten wie Damaskus, Aleppo, Homs und Lattakia weltoffen; dort gibt es moderne Einkaufszentren, wie Dr. Motraji sie hier noch nicht gesehen hat, und viele junge Frauen tragen noch freizügigere Kleidung als hier. Andererseits ist das Leben manchen Gebieten Syriens inkl. der dortigen Städte noch sehr traditionell / patriarchalisch, Frauen sind meist verschleiert und leben fremdbestimmt. Um den kulturellen Hintergrund zu verstehen, ist es daher wichtig zu wissen, woher genau jemand aus Syrien kommt.

Das syrische Bildungssystem und der Wille zu arbeiten

1981 wurde in Syrien die Schulpflicht eingeführt, heute gilt dies bis zur 9. Klasse, auch in ländlichen Gebieten ohne Ausnahme. Wer sein Kind nicht in die Schule schickt, muss damit rechnen, dass die Polizei kommt und man eine Geldstrafe zahlen muss. An Fremdsprachen werden Englisch, Französisch und seit neuestem auch Russisch unterrichtet.
Nach dem Schulabschluss macht man eine Ausbildung (je nach Elternhaus studiert man auch) oder geht arbeiten. Eine 3. Möglichkeit besteht nicht. Einem Syrer ist es peinlich, wenn er sein Geld nicht selber verdient – daher rühre die Ungeduld, mit der syrische Flüchtlinge hier auf Arbeit drängen.

Nachdem Dr. Motraji nach Hamburg gekommen war, war seine erste „Arbeit“ nach seiner eigenen Aussage, Deutsch zu lernen. Vier Wochen später schriebt er seine 1. Bewerbung, um Geld verdienen zu können, zunächst jedoch erfolglos. Inzwischen gibt er Arabisch-Kurse an der Volkshochschule und an der Universität. Außerdem unterrichtet er Deutschlehrer darin, wie man arabisch-sprachigen Flüchtlingen die deutsche Sprache unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Arabischen erfolgreich vermitteln kann.

Die Stellung der Frau in Syrien

In den meisten Regionen Syriens haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Sie sind berufstätig und – anders als in Deutschland – bekommen bei gleicher Qualifikation das gleiche Gehalt. Sie können über ihr eigenes Geld verfügen und entscheiden selbst, welchen Mann sie heiraten. Wenn ein Paar heiratet, muss der Mann in der Regel für Wohnung, Einrichtung und Brautgeschenke (Schmuck etc.) aufkommen. In den konservativen Regionen ist dies jedoch anders. Dort führen Frauen ein fremdbestimmtes Leben.

Ankunft in Deutschland

Nach Hamburg kam die Familie, weil sie zunächst bei der Schwester seiner Frau, die in Hamburg in einer Wohnung lebt, unterkommen konnte. Nach 5 Monaten zogen sie um und wohnten in den nächsten 3 Jahren mit 4 Personen in einer sehr kleinen Wohnung. Vor 6 Monaten konnten sie in eine größere Wohnung umziehen.

Deutsch lernen

Bei der Ankunft in Deutschland konnte Dr. Motraji kein Wort Deutsch; er hörte auf der Straße die ersten Worte: Entschuldigung, Danke, Bitte. Worte, die er nicht kannte oder verstand, ließ er sich von seiner Frau erklären. Er fasste Deutschlernen als seine neue Arbeit auf, lernte Tag und Nacht bis zu 100 Vokabeln täglich und ging zum Sprachkurs. Er bezeichnet Deutsch als „Mathematik“ und war zwischenzeitlich so verzweifelt, dass er am liebsten nach Syrien zurückgekehrt wäre. Doch es ist ihm gelungen, die deutsche Sprache mit all ihren Tücken und grammatikalischen Herausforderungen so gut zu lernen, dass er jetzt fast fehlerfrei spricht.


Seine Erwartungen und ersten Eindrücke von Deutschland

Dr. Motraji hatte Deutschland einige Jahre zuvor besucht, daher kannte er das Land schon ein wenig. Es gefiel ihm gut, alles war schön, auch das politische System findet er sehr gut. Dennoch war es ihm und seiner Frau nie in den Sinn gekommen, ihre Heimat zu verlassen.

Als er dann notgedrungen vor gut 4 Jahren hier ankam, hatte er überhaupt keine Erwartungen an sein neues Leben. Er war nur glücklich, dass er und seine Familie in Sicherheit waren. Als sehr positiv bewertet er, dass er viele hilfsbereite, respektvolle und mitfühlende Menschen kennen gelernt hat, auch die funktionierenden rechtstaatlichen Systeme, die intakten Straßen, Naturschutz etc. weiß er sehr zu schätzen.

Nach negativen Eindrücken gefragt, sagt er, dass er auch hier Tag und Nacht arbeiten muss, um seine Familie zu ernähren; er gibt z. Z. pro Woche 9 Kurse auf Honorarbasis, seine Frau findet als Architektin keine Arbeit, sie arbeitet jetzt stundenweise beim DRK. Und er ergänzt, jedoch schmunzelnd, dass hier die Sonne deutlich seltener scheint als in Lattakia.

Das Heimweh bleibt

Beide, Dr. Motraji und seine Frau, die ihn zu diesem Abend begleitete, bekräftigten, dass die Familie immer noch Heimweh hätte. Sie haben nahe Verwandte und Freunde, die noch in Syrien leben; drei seiner Brüder haben das Land ebenfalls verlassen. Sie versuchen, mit allen regelmäßig Kontakt zu halten, doch das ist schwierig. Die Töchter hatten zuhause viele Cousins und Cousinen; obwohl sie in der Schule Freundschaften geschlossen haben, fragen sie immer noch, wann die Familie wieder nach Hause fahren kann.

Sie sind glücklich und dankbar, hier in Sicherheit leben zu können. Trotzdem würden sie gerne so bald wie möglich in ihre Heimat zurückkehren. Das Ehepaar erwartet jedoch, dass ihre Töchter sich in ein paar Jahren hier voraussichtlich eingelebt haben werden und sie dann möglicherweise nicht zurückkehren wollen.

Deutsch-syrisches Miteinander, doch die Stimmung in der Öffentlichkeit hat sich geändert

Nach deutschen Bekannten gefragt, erzählt Dr. Motraji, dass sie vor 3 Jahren zufällig ein Ehepaar kennen gelernt haben, das ihm zunächst beim Deutschlernen und später in vieler anderer Hinsicht sehr geholfen hat; sie sind inzwischen mit dem Ehepaar Köhler so eng befreundet, dass sie alle deutschen und syrischen Feste zusammen feiern und er sie als seine Ersatz-Eltern ansieht. Sie sind auch mit anderen Deutschen bekannt oder befreundet, pflegen aber natürlich auch syrische Kontakte.

Leider ist es für die Familie deutlich spürbar, dass sich die Stimmung angesichts der hohen Flüchtlingszahlen verändert hat. Auch sie sind verbalen und die Kinder körperlichen Anfeindungen ausgesetzt, die sie zuvor nie erlebt haben. Dr. Motraji beklagt, dass das schlechte Benehmen weniger Flüchtlinge verallgemeinert würde und dabei übersehen wird, dass die meisten Flüchtlinge sehr gern arbeiten und ihren Beitrag leisten würden.

So kann Integration gelingen

Dr. Motraji hält das Erlernen der deutschen Sprache natürlich für die wichtigste Voraussetzung zur Integration. Auf die Frage, weshalb manche Sprachkurse eine so geringe Beteiligung hätten, meinte er, dass viele Syrer Vorkenntnisse hätten und sich dann im Einstiegsniveau unter A1 langweilten. Zweitens hätten viele schlechte Erfahrungen mit schlecht organisierten Sprachkursen gemacht, in denen verschiedene Lehrende ohne Absprache nebeneinander her arbeiten, so dass Stoff mehrfach behandelt, anderer versäumt würde. Zudem fehle es oft an Büchern.

Als zweites Hauptkriterium nennt er Toleranz: die Flüchtlinge müssten die deutsche Gesellschaft so nehmen, wie sie ist und akzeptieren, dass es Unterschiede in der Lebensweise gibt. Dies sagt er Flüchtlingen jeden Tag. Andererseits wünscht Dr. Motraji sich dies auch von den Deutschen: tolerant zu sein und ohne Vorurteile auf Ausländer zuzugehen. Eine fremde Frau mit Kopftuch kann ebenso modern und qualifiziert sein wie manche Deutsche.

Außerdem hält er persönliche Begegnungen für die beste Art, Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen. Er hält es jedoch für besser, das Einzelne gezielt helfen und persönliche Beziehungen aufbauen als dass viele überall ein wenig helfen. Jeder soll dies nach seinen Fähigkeiten tun.

Auf eine Frage aus dem Publikum, ob unterschiedliche Religionen ein Problem seien, antwortete Dr. Motraji sinngemäß mit einem auf Toleranz weisenden Vers aus dem Koran (Yunus, 99): „Wenn Allah gewollt hätte, dass alle Menschen Gläubige sind, dann hätte er es so eingerichtet.“

Unser Gast verstand es, seine Eindrücke und Erfahrungen im Gespräch auf der Bühne lebhaft und bildreich zu vermitteln. Alle Teilnehmer konnten mit wertvollen neuen Informationen und dem Gefühl, mit ihrem Engagement für Flüchtlinge das Richtige zu tun, nach Hause gehen.